Die alltäglichen Gedanken eines Daten-Rechercheurs:

Der Job des Daten-Rechercheurs lässt sich, wie ich mittlerweile weiß, trefflich mit einem Wort umschreiben: »A.R.G.L.«.

»A - ufpassen, was gewünscht wird«
»R - echerchieren, was möglich ist«
»G - estalten, was nötig ist«
»L - esbar machen«

An jenem Tag, da Christian Montillon  >, Klaus Frick, Benjamin Golling und ich uns im Erker einer alten Ritterburg trafen, ahnte ich noch nicht, was auf uns zukommen würde. Durch ein paar Telefonate und aus einem Ideenpapier war bereits hervorgegangen, worum es sich bei dem (noch) geheimen Projekt PERRY RHODAN-Action handeln sollte. Was die anderen für diese erste Besprechung mitbringen würden, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar, ich steuerte allerdings schon einmal vierzig Seiten erster Materialsammlung bei: Wo der Demetria-Sternhaufen genau lag, wie groß er war, welche Völker es gab, wie diese aussahen, eine Liste wichtiger Ereignisse der solaren Geschichte, Waffen- und Schutzschirmkataloge und einiges mehr.

Auf dem regengefluteten Parkplatz verlies ich mit meinen Papieren unterm Arm das sichere Auto. Christian Montillon erwartete mich schon, und unter einem überdimensionalen Schirm erreichten wir leidlich trocken unser Domizil für den restlichen Tag.

Da der aus Rastatt anreisenden Redaktion eine alte Fliegerbombe den Terminplan verhagelte, hatten Christian und ich Zeit uns zu beschnuppern, die Chemie zwischen uns stimmte, und so machten wir uns gleich daran erste weiterführende Ideen zu spinnen.

Als wir unsere, mittlerweile vollständig besetzte, Tafel am späteren Abend aufhoben, hatte jeder eine Menge – nicht nur – mentales Gepäck zu tragen: Benjamin Golling hatte eine Kopier- und Scan-Liste zu erledigen, Klaus Frick eine Reihe von Gesprächen, die er zu führen hatte, und Christian den Kopf voller Ideen, die zu Papier gebracht werden wollten. Tja und ich hatte ein galaktisches Umfeld aufzubereiten.

Tage später ...

Es klang in der Theorie wunderbar, dass die Arkoniden 40 bis 60 Welten besiedelt hatten und sich die Magadu überall in Demetria aufhielten – aber wohin würde es Perry verschlagen? Bisher stand als Aufenthaltsort nur Trafalgar fest. Daher arbeitete ich daran, weitere Planeten zu benennen, zu skizzieren und ihre ungefähren Positionen festzulegen. Christian und ich würden noch genauer abklären müssen, welche überhaupt für PERRY RHODAN-Action relevant sein und welche gewissermaßen nur als Hintergrundfolie existieren würden. Wenn es nicht den wunderbaren Michael Thiesen gegeben hätte, würden wir womöglich noch immer an einer dreidimensionalen Karte von Demetria arbeiten.

Die Recherche über einige bekannte Hauptfiguren von PRA überrascht mich immer wieder: Man kennt Leute wie die Mutanten natürlich, aber sie werden nur selten wirklich greifbar dargestellt, ihre Charaktere und Biografien sind merkwürdig nebulös, und die verstaubten Datenblätter von damals bestätigen das auch. Ich bewundere die Leistung, die die erste Autorengeneration erbracht hat, dadurch nur noch mehr. Vor allem, dass sie es geschafft haben, uns Lesern ein kohärentes Bild der Mutanen zu vermitteln.

Die Daten, wer wann und wo eine Zelldusche bekam, sind schwierig genau festzustellen, weil sich sofort andere Fragen damit verbinden: Welches Datum muss man jeweils zählen, wenn der Wanderer-Besuch für den Rest des Universums vier Jahre dauerte? Wieviel früher (oder später) als die fragliche Wirkungsdauer der Zelldusche kann oder muss man sich nach Wanderer begeben? Und wann war das jeweils? Wird die nächste Dusche zum Handlungszeitpunkt fällig? Wie werden die Flüge zum Physiotron organisiert? Ich bin sehr erleichtert, als endlich die handlungsrelevanten Unsterblichen feststehen, auf die ich mich für den Demetria-Zyklus konzentrieren muss!

Ein nächster »Meilen-Stolperstein« ist das Design der Gegner: Über welche Technologie dürfen diese gebieten? Wo muss ich ein Veto brüllen, damit nicht die ganze PERRY RHODAN-Historie aus den Fugen gerät? Ich erinnere mich immer wieder mit Grausen an die gefürchtetste Frage vieler hundert Hefte: »Warum benutzt Perry eigentlich nicht das Selphyr-Fataro-Gerät....?« Und wo solche Probleme schon bei einer chronologisch fortschreitenden Geschichte auftreten, wie tückisch mögen erst die Fallen sein, wenn man in der Chronologie zurückgeht?

Nebenbei muss das Vereinte Imperium beschrieben werden – ein Imperium, das in der Heftserie meist nur in ganz dünne Worte gekleidet wurde. Und eigentlich brauchte man auch nie mehr, die Handlung riss den Leser sowieso mit sich und in ganz neue Richtungen. Für PRA wurde es allerdings wieder interessant, zumindest als Hintergrundwissen für die Autoren: Denn in Demetria sollten Terraner und Arkoniden aufeinander stoßen. Wie müssen wir uns das vorstellen? Kann das überhaupt funktionieren?

Die Recherche über das Vereinte Imperium ist sehr aufschlussreich: Wenn ich mir anschaue, wie »gerecht« das Vereinte Imperium seine Macht an die beiden Partner verteilt, hege ich plötzlich richtig viele Sympathien für die Arkoniden. Die Terraner haben da eine hübsche feindliche, geradezu heuschreckenartige Übernahme betrieben (... jedenfalls nach bisheriger Faktenlage). Allerdings war bisher reichlich wenig darüber bekannt, sieht man von dem zweifellosen Erfolg der Fusion ab; der muss sich natürlich auch bei PRA finden.

Plötzlich schwillt der Datenblattbedarf an. Nach Falkan kommt Sepzim an die Reihe. Gut, dass ich mit dem Datenblatt Falkan bereits eine Musterdatei habe, um keine wesentliche Angabe für Sepzim zu vergessen. Doch dann kommt die Beinahe-Katastrophe: Die Falkan-Datei ist überschrieben, der Inhalt verloren, weil ich auf »Speichern« geklickt habe ... zum Glück habe ich Christian schon eine Arbeitsversion zu Falkan geschickt, die er mir nun zurückmailen kann. Dann geht die Arbeit wenigstens nicht wieder ganz am Anfang los. Ich glaube, Christan kann man in so einem Fall dann »externe Festplatte« nennen.

Als das letzte Exposé eintrifft, bin ich beinahe enttäuscht: nicht vom Exposé, sondern von der Tatsache, dass das Projekt PRA damit beendet ist. Jedenfalls, was meine Arbeit angeht. Jetzt kann ich mich zurücklehnen und die hoffentlich bald eintreffenden Romane genießen – es ist ungeheuer spannend zu sehen, wie die Ideen allmählich Konturen annahmen und wie diese dann von mitunter einigen meiner Lieblingsautoren durch Leben erfüllt werden.