Ein Interview mit Christian Montillon

»Meine Romane auf Splatter zu reduzieren halte ich für verfehlt«

Jochen Adam, Redakteur des Online-Fanzines »Zauberspiegel«, hat sich kürzlich mit Christian Montillon getroffen und ihm interessante Fragen zum Thema PERRY RHODAN gestellt. Im Interview erklärt der Autor und Expokrat zudem, warum es auch manchmal ein Fluch sein kann, für die größte Science-Fiction-Serie der Welt zu schreiben. 

»Torn«, »Macabros«, PERRY RHODAN-Action – das sind ja nur einige der Serien, in die du viel Zeit und Mühe investierst. Welchen Stellenwert hat da die Arbeit bei PERRY RHODAN für dich?

PR ist klar der Schwerpunkt meines Schaffens, um es nüchtern zu sagen. (Ich arbeite GERN für »Torn« und »Macabros«, wirklich!, aber Schwerpunkt ist PR). Und PRA ist Teil von PR, das kann ich nicht getrennt sehen. Man sieht ja an der Zahl meiner neuen Romane in der PR-Erstauflage, dass diese seit PRA etwas weniger geworden sind ... Aber kein Wunder: Für PRA habe ich in der Zeit ja auch 36 Exposés und fünf oder sechs Romane geschrieben bzw. schreibe sie noch (der vierte Roman kommt noch im Kristallmond-Zyklus, und im dritten Zyklus bin ich darüber hinaus auch mit einem oder zwei Romanen vertreten, schätze ich mal). Aber wenn ich für PRA arbeite, arbeite ich gleichzeitig für PR. Das war auch nicht anders, als ich etwa – auch in dieser Zeit - das Heyne-Taschenbuch fürs »Rote Imperium« geschrieben habe, was ganz nüchtern betrachtet auch einige Heftromane für die EA hätten sein können. Das ist aber nicht zu trennen. Da muss man die Marke PERRY RHODAN schon als Ganzes sehen.

Deine Beiträge bei PR sind mitunter ein wenig actionreicher als die Romane anderer Autoren. Baust du die eine oder andere Actionszene ganz bewusst ein oder werden dir die Romane entsprechend zugeteilt getreu dem Motto »Ahh, Action, das ist mal wieder eine Sache für den Typen von PRA...«?

Wenn du bei mir mehr Action siehst, liegt das an meinem Stil oder meiner Eigenart als Autor. Man kann eigentlich in jedes Expo mehr oder weniger Action einbauen, zumindest in die meisten. Sicher werden Romane auch nach Autoren-Vorlieben oder –Einschätzungen zugeteilt (Das-kann-der-XYZ-wohl-am-besten), aber das ist nicht alles und funktioniert nicht bei jedem Roman. Da spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt der Zeitrahmen aller Autoren.
Du spielst vielleicht konkret auf den Roman an, in dem diese Station auf Evolux erobert wurde – ja, das war Action. Da hätte jeder Autor ein bisschen Action krachen lassen, schätze ich. Aber vielleicht weniger als ich. Es wäre ein anderer Roman geworden. Vielleicht besser. Vielleicht schlechter. Wer weiß das schon?
Ansonsten ist es glaub ich eher eine »Fan-Sache«, mich jetzt auf Action abzustempeln, weil ich PRA mache. Ich reduziere mich selbst nicht darauf ☺, obwohl ich ganz klar sagen muss: Das macht mir Spaß und etwa für PRA arbeite ich gerne ...
Oder nimm den gerade aktuellen Roman, »Mentale Revision« – da geht's zum Teil ein bisschen eklig zur Sache, die Transformationen halt. Da sind schon angedeutete Splatter-Szenen drin ... jetzt aber sinngemäß zu sagen (wie's im Forum der Serie teilweise geschieht): »Der Montillon ist halt ursprünglich Horror-Autor, der macht Splatter« und deshalb den Roman auf Splatter zu reduzieren, halte ich für verfehlt.
He – wenn ich splattern will, dann würde das anders aussehen. Hin und wieder splattere ich einige Seiten lang bei »Torn«, das sieht dann ganz anders aus. Du, Jochen, kennst die Romane ja und kannst das sicher bestätigen. »Mentale Revision« dehnt lediglich die PR-Grenzen ein bisschen ... oder anders gesagt: Das ist vielleicht in manchen Teilen PR-tauglicher-Splatter. Wobei das manche eben nicht mehr als PR-tauglich sehen ... und diese Meinung will ich niemand nehmen. Das muss nicht gefallen, und ja: Es dehnt die Grenzen ein bisschen. Das find ich aber gut.

In viel stärkerem Maße noch als durch Actionszenen zeichnen sich deine Romane durch die Konzentration auf die handelnden Charaktere aus. Was fasziniert dich gerade an diesem Aspekt (etwa gegenüber den technischen Details oder der Darstellung komplexer außerirdischer Kulturen)?

Technik ist nicht so mein Ding, das gebe ich zu. Da habe ich einfach weniger Interesse. Charaktere interessieren mich, sie tragen die Story, das entdecke ich immer mehr. Da habe ich vielleicht auch eher ein Händchen für als für die komplexen fremden Kulturen, die du ansprichst ... obwohl mir die schon gefallen. Das finde ich z.B. bei Wim Vandemaan klasse: der kann das, fremdartige Welten mit wenigen Sätzen und ein paar skurrilen Ideen zum Leben zu erwecken! Ich muss das noch lernen. Ich bin am Üben. So meine Selbsteinschätzung.

In einigen Romanen konzentrierst du dich stärker auf die Protagonisten der Serie, in anderen eher auf Nebenfiguren. Was fällt dir einfacher, welche Position liegt dir besser?

Das kommt ganz auf den Roman an. Wenn ein Expo eintrudelt, auf dem mein Name steht, muss ich mich als Autor zuerst fragen: Was ist der geeignete Blickwinkel ... wie ist DIESE Geschichte am besten erzählt?
Ein Beispiel: »Mythos Scherbenstadt«. Da galt es, eine ganze Menge technischer Details zu transportieren. Der Monti ging also in etwa so ran: Technik ist nicht mein Ding ... ich muss es aber reinbringen ... wie mach ich das ... am besten über eine Person perspektivisch gebrochen, die mit Technik nichts anfangen kann und deshalb auch mal abschaltet oder was nicht versteht oder eine spöttische Bemerkung macht (wie ich es vielleicht auch tun würde).
Also erfand ich eine Nebenfigur, aus deren Perspektive ich die Story weitgehend erzählte.
Das hätte ein anderer Autor sicher ganz anders gemacht. Rainer Castor etwa hätte sicher zwei Super-Hyper-Duper-Techniker diese ganzen Details in geschliffener Rede fachsimpeln lassen. Das kann er. Ich kann das nicht. Ich will es auch nicht, weil es nicht meiner Art entspricht. Manche hätten Rainers Roman besser gefunden. Manche meinen. Das macht aber auch die Faszination von PR aus: die unterschiedlichen Blickwinkel auf dasselbe Geschehen, die Vielzahl an völlig unterschiedlichen Autoren.

In vielen SF-Serien gibt es immer wieder Rückgriffe auf Elemente anderer Genres, etwa aus dem Horror- oder dem Krimibereich. PR ist, zumindest seitdem ich es lese, fast ausschließlich der SF behaftet. Wie stehst du persönlich einem Abstecher der Serie in ein anderes Genre gegenüber (etwa in Form einer richtig unheimlichen Horror-Episode)?

In gewissen Grenzen: ja. Das kann/sollte/darf man bei PR aber nicht übertreiben. Siehe das, was ich oben zum Thema Splatter gesagt habe. Das hast du vielleicht gar nicht so empfunden ... anderen war das schon zu viel. Und da hat jeder das Recht zu, das möchte ich noch mal betonen – das ist Empfindungssache. Man muss oder kann vielleicht auch in einer so komplexen und unterschiedlichen Serie wie PR nicht alles mögen. Dann gilt: Schwamm drüber, und nächste Woche geht's weiter. So habe ich das als Leser auch immer gehalten, denn ja: Es gab Romane, die mir nicht so gefallen haben. Damit kann ich leben.

Auf der PR-Homepage hast du angemerkt, du würdest PR seit nunmehr 18 Jahren lesen. Wie beurteilst du im Hinblick auf all das, was du schon im Rhodanschen Universum erlebt hast, den aktuellen »Negasphären«-Zyklus? So weit ich mitbekommen habe, ist es immerhin der wohl komplexeste Zyklus, den die Serie je durchlaufen hat ...

Oh, ich halte ihn nicht für das komplexeste Dingens seit Anbeginn. Vielleicht auch deshalb, weil ich eben einen völlig anderen Zugang habe jetzt als zu allen anderen Zyklen, bei denen ich »nur« Leser war. Ich fand als Leser die 1300er-Sachen am komplexesten – Hangay, die Kartanin, die Netzgänger, diese überbordende kosmische Phantasie ... am komplexesten und am besten, übrigens. Ich liebe diese Zeit der Serie.

Im Rahmen des Perryversums zeichnest du ja verantwortlich für PRA. Inwiefern nimmst du daneben auch Einfluss auf die Gestaltung und den Fortgang der Erstauflage?

Ich würde vorsichtig sagen: So, wie jeder Autor auf Gestaltung und Fortgang der Erstauflage Einfluss nimmt. Andere vielleicht mehr als ich, ich bin da eher eine stille Natur. Aber wenn ich Romane schreibe, bringe ich natürlich Details ein, forme Charaktere weiter etc.

Zum Abschluss noch drei kurze Fragen, auf die du bitte möglichst spontan antwortest:
Welches ist der PR-Charakter, mit dem du am liebsten arbeitest, und warum?

Gucky! Ich hab mein eigenes Bild von ihm, und als ich das in Szene setzte, schrie man zumindest in der Redaktion nicht auf.
Das war die gewünschte spontane Antwort. Wenn ich länger nachdenke, käme vielleicht was anderes dabei raus.
Ich hab auch einen Anti-Charakter, wenn man das überhaupt Charakter nennen kann: Norman. *Har har*. Wie böse hat mich der Robert Feldhoff angeschaut, als ich sagte, ich würde Norman gerne endlich killen ☺.

Dein bisher bester Beitrag zu PR?

»Requiem für Druufon«, zweites Taschenbuch des »Roten Imperiums«, noch nicht erschienen. (Anm. d. PR-Red.: Das Buch erscheint im Februar 2009)

Und eine Storyline, die du gerne mal innerhalb der Serie lesen würdest?

Steinigt mich, ihr vielen Foristen und Redaktionsmitglieder: Kosmokraten wandeln leibhaftig in den niederen Gefilden. Aber ich weiß: das sollte man nicht mehr bringen. Wahrscheinlich. Vielleicht. Wie auch immer.

Vielen Dank, Christian, für dieses Interview!