Eine weitere Fanstory zu PRA

Nachdem letzte Woche  > eine Story von Matthias Hinz online ging, gibt es nun Nachschub!

Tobias Heinrich hat in die Tastatur gegriffen und eine ... ja, was ist das? Ist das noch eine Kurzgeschichte? Fast schon zu lang dafür. Vielleicht eine Novelle. Aber das passt auch nicht genau. Egal, ich will nicht theoretisieren! Also er hat etwas Tolles geschrieben, das während des Geschehens von PRA-Band 2 ansetzt.

Perry Rhodan war mit der JUNO unterwegs nach Trafalgar, als das Schiff über einem Dschungelgebiet attackiert wurde – Bruchlandung. Mehr muss man eigentlich nicht wissen, um direkt in Tobias Geschichte einsteigen zu können.

Per Mail hat er mir schon eine Fortsetzung angekündigt. Ich bin gespannt. Ihr hoffentlich auch!

Über Kommentare freut sich Tobias sicherlich – nutzt seine Mailadresse AlfredHn@aol.com  >. Oder diskutiert in unserem Forum  >!

»Düsterer Stern«

von Tobias Heinrich

»Das kann doch alles nicht wahr sein!«

Leutnant Benjamin Beagle rieb sich zum wiederholten Male in den vergangenen fünf Stunden entnervt die Schläfen.

Konnte dieser Kerl denn nicht einmal für zehn Minuten den Mund halten? Der Tag war doch auch ohne das ständige Genörgel schon schlimm genug.

Zuerst war ihr Raumschiff, die JUNO, von Unbekannten auf dieser Siedlerwelt abgeschossen worden, von der er noch nie zuvor etwas gehört hatte. Dann, nachdem die Überlebenden des Absturzes es mit Mühe und Not geschafft hatten, aus dem brennenden Wrack zu entkommen, waren sie von Schwärmen unbekannter Roboter auf Flugscheiben angegriffen worden.

Beagle hatte keine Ahnung, wie viele Menschen dabei ihr Leben verloren hatten, aber er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie ein junger Fähnrich, der nicht rechtzeitig zur Seite gesprungen war, von einer der scharfkantigen Flugscheiben, buchstäblich »im Flug«, in zwei Teile geschnitten worden war.
Ihm reichte es.

Aber natürlich war alles noch schlimmer gekommen.

Rhodan hatte die Mannschaft in mehrere Gruppen aufgeteilt, die sich getrennt nach Trafalgar City, der Hauptstadt dieser Welt, durchschlagen sollten. Natürlich war es seine Gruppe gewesen, die schon wenige Stunden nach dem Aufbruch eine erneute Begegnung mit den seltsamen Kampfrobotern hatte.
Es waren nur zwei der unheimlichen Schwebeplattformen gewesen. Vermutlich ein Spähtrupp, der die Überlebenden des ersten Angriffs aufspüren sollte.

Eine der Flugscheiben konnte schnell ausgeschaltet werden. Fast in demselben Augenblick, in dem die Roboter auf die, sich im Dickicht des Waldes verbergenden Terraner aufmerksam wurden, geriet die Scheibe auch schon in das Punktfeuer mehrerer schwerer Thermostrahler. Das Fluggerät explodierte noch in der Luft und riss seine mechanische Besatzung, einen der kleineren, kegelförmigen Roboter mit den merkwürdigen Kopftentakeln, und zwei der riesigen Kampfmaschinen, die schon beim Schiff für einige Verluste gesorgt hatten, mit in den Untergang.

Die zweite Flugscheibe aber lieferte den Terranern einen harten Kampf, bevor am Ende auch sie, schwer getroffen, abstürzte und dabei die Vegetation großflächig in Brand setzte.

Dadurch wurde er selbst zusammen mit Britta Valentin, einer attraktiven Astrophysikerin aus der wissenschaftlichen Abteilung der JUNO, und dieser Nervensäge, einem glubschäugigen, fast absurd hageren, jungen Leutnant namens Gustav Ferryman, vom Rest der Gruppe abgeschnitten.

Da wegen der Roboter absolutes Funkverbot herrschte, konnten sie die anderen nicht über ihren Verbleib informieren. Vermutlich ging der Truppführer, ein älterer Major, den Beagle nur vom Sehen her kannte, davon aus, dass sie bei dem Absturz der Flugscheibe ums Leben gekommen waren.

Nun irrten sie seit fünf Stunden allein durch diesen Dschungel, in der Hoffnung die noch weit entfernte Stadt  auf eigene Faust zu erreichen, oder doch wenigstens den Rest ihrer Gruppe irgendwie einzuholen.

Und seit eben jenen fünf Stunden beschäftigte sich Ferryman ununterbrochen damit, seinen Begleitern vorzujammern, wie schrecklich ihre Lage doch war.
Als ob sie das nicht selbst wüssten.

»Wenn er nicht bald ruhig ist, hefte ich ihm einen Peilsender an, damit die Roboter ihn endlich zum Schweigen bringen.«, flüsterte Valentin, die Wissenschaftlerin, Beagle zu.

Als Ferryman wieder einmal angefangen hatte zu lamentieren, hatte sich die junge Frau beeilt, zu ihm aufzuschließen.

Beagle schenkte ihr ein kurzes, humorloses Lächeln.

Valentin strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht.
Sie sah geschafft aus. Kein Wunder nach dem langen Marsch, den sie hinter sich hatten. Aber noch wollten sie es nicht riskieren eine Pause einzulegen. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung über welche Sensoren die fremden Roboter verfügten. Es erschien ihnen sicherer so lange wie möglich weiterzulaufen um eine möglichst große Entfernung zwischen sich und die Angreifer zu bringen. Später konnten sie sich dann immer noch eine Deckung suchen um sich etwas auszuruhen.

Im Falle eines Angriffs waren sie sowieso so gut wie tot.
Nach dem Absturz der Flugscheibe war ihnen nur noch ein einziger, leichter Desintegrator geblieben. Das reichte in keinem Fall aus, um sich gegen eine oder gar mehrere der fremden Einheiten zu verteidigen.

Ihnen blieb nur die Flucht und, falls nötig, die Möglichkeit sich schnell irgendwo zu verstecken.

Hinter ihnen nörgelte Ferryman munter weiter.

Wo nahm der Mann nur die Energie dafür her? Jedem anderen wäre bestimmt schon die Luft ausgegangen, doch Ferrymans Gejammer war ähnlich beständig, wie das Gezwitscher der Vögel in den Bäumen.

Seit einer Weile wurde ihr Weg immer felsiger und stieg auch immer steiler an. Die Vegetation wurde ein wenig lichter. Offenbar näherten sie sich einem kleinen Felsplateau oder einem felsigen Grat, mitten in der ansonsten dicht bewaldeten Ebene.

Beagle schaute auf das kleine Display am Arm seines leichten Schutzanzuges.

Ihre Richtung stimmte nach wie vor.

Dennoch konnte es nicht schaden von einem erhöhten Punkt aus einen Blick auf die Ebene zu werfen. Vielleicht hatten sie ja Glück, und es gab irgendwo in der Nähe eine kleine Ansiedlung.

Auf dieser Welt war Tee einer der größten Exportschlager. Wenn das Zeug tatsächlich in so großer Menge hier angebaut wurde, musste es schließlich auch entsprechende Farmen geben.

Nach kurzer Diskussion waren sich die Drei einig, die Erhebung nicht zu umgehen, sondern den Aufstieg fortzusetzen. Vielleicht hatten sie ja tatsächlich Glück. Es wurde, weiß Gott, Zeit dazu.

Der Aufstieg dauerte nicht lange. Schon nach ein paar Minuten ließen sie das schützende Dickicht hinter sich und standen auf einem winzigen Plateau aus rot-grauem Gestein.

Nur wenige Meter vor ihnen fiel der Boden steil ab. Wenn sie in dieser Richtung weiter gehen wollten, würde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als zu klettern.
Beagle schaute sich um. Er hatte recht gehabt. Vom Fuße des Plateaus bis zu einem kleinen Fluss, der gemütlich in ein paar Kilometern Entfernung vor sich hin plätscherte, erstreckten sich Teeplantagen.

Hier oben konnte man sogar den typischen Duft der Pflanzen wahrnehmen. Wirklich angenehm, nach all den Stunden der Bruthitze in Trafalgars Dschungel.

Eine Siedlung war zwar nicht zu erkennen, aber Britta Valentin entdeckte schon nach einigen Sekunden ein großes, rotes Erntefahrzeug, mitten in der Plantage.

Die riesige Maschine glitt gemächlich auf ihren Prallfeldern dahin. In der verglasten Kabine war ein Fahrer zu erkennen.

»Na Gott sei Dank!«, gab Ferryman lautstark von sich.

»Das wurde aber auch Zeit. Noch länger hätte ich diesen Gewaltmarsch auch nicht mehr ertragen.«

»Oh, wir auch nicht.«

Beagle konnte sich ob Valentins sarkastischer Bemerkung ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen.

Aber Ferryman hatte recht. Dort vorne, nur ein paar hundert Meter von ihnen entfernt, lag die Rettung. Wenn sie es schafften das Erntefahrzeug zu erreichen, waren sie in Sicherheit, denn offenbar hatte sich hier noch keiner der fremden Roboter blicken lassen, sonst hätte der Fahrer es niemals riskiert, sich hier draußen allein herumzutreiben.

Die drei begannen den steilen Abhang nach einem Weg abzusuchen oder zumindest nach einer Stelle Ausschau zu halten, wo der Abstieg ein wenig leichter wäre, als Beagle plötzlich etwas auffiel.

Es war ruhig.

Nicht nur, dass Ferryman es, angesichts der nahen Rettung, endlich aufgegeben hatte, ihm und Valentin die Ohren voll zu jammern, auch von den Vögeln, deren Gezwitscher man den ganzen Tag über beständig hatte hören können, rührte sich im Moment keiner.

Irgendetwas stimmte nicht.

Beagle wurde nervös. Er konnte seinen Herzschlag durch den ganzen Körper spüren.

Aber das konnte doch nicht ...

»Valentin. Ferryman. Weg hier!«, zischte er seinen Begleitern zu und stürmte auf das nächste Gebüsch zu.

»Was ist? Was hast du?«

Ferryman war verdutzt stehen geblieben und schaute Beagle hinterher, der sich kurz umdrehte und »In Deckung!« rief.

Jetzt begriff auch Ferryman und rannte hinter Valentin her, die sich ohne zu zögern, an Beagles Fersen geheftet hatte.

Der froschäugige Leutnant schaffte es gerade noch soeben, den anderen in das Gebüsch hinterher zuspringen als es hinter ihm krachte und splitterte. Dicke Äste zerbrachen wie Zahnstocher, als ein Roboter aus dem Dickicht auf die Lichtung brach. Vorsichtig schob Beagle ein paar Blätter zur Seite, um einen Blick auf ihren Feind erhaschen zu können.

Es war eines der riesigen Ungetüme, die sie vorher schon angegriffen hatten. Die fremde Kampfmaschine war wenige Meter vor dem Abhang stehen geblieben und schaute im Moment in Richtung des Erntefahrzeugs.

Sofort fiel Beagle auf, dass mit dem Roboter etwas nicht stimmte. Der linke Arm hing schlaff an der Seite herab. Auch das linke Bein schien nicht ganz in Ordnung zu sein. Das goldschimmernde Metall war seltsam verbogen.

Das erklärte Beagle auch das komische Gefühl von vorhin. Was er wahrgenommen hatte, war nicht sein eigener Herzschlag gewesen. Es waren die Schritte des Roboters, die den Boden erzittern ließen. Offensichtlich humpelte das mechanische Monster.

Neben ihm bewegte sich Ferryman, der ebenfalls einige Blätter zur Seite schieben wollte um einen Blick auf den Roboter zu werfen.

Allerdings stellte sich der junge Leutnant dabei etwas ungeschickt an. Und ehe Beagle es noch verhindern konnte, brach ein kleiner Zweig unter dem Gewicht des Mannes.

Das Geräusch war vermutlich kaum wahrnehmbar, aber Beagle kam es vor, als wäre das Knacken des Zweiges meilenweit zu hören.

Ein Blick in Valentins und Ferrymans bleich gewordene Gesichter, sagte ihm genug. Sie mussten damit rechnen, jeden Moment von der Maschine entdeckt zu werden. Keiner der drei Terraner wagte in diesem Moment zu atmen.

Ganz langsam, wand Beagle den Kopf wieder in Richtung des Roboters. Als er die Blätter wieder beiseite schob, blieb ihm fast das Herz stehen.

Die mehrere Meter hohe Maschine hatte den Kopf gedreht und starrte genau in ihre Richtung, den einen, noch funktionstüchtigen Waffenarm erhoben und genau auf ihr Gebüsch gerichtet.

Es war aus. Sie hatten vielleicht noch ein paar Sekunden. Merkwürdigerweise fiel Beagle gerade jetzt ein weiterer Schaden an ihrem Gegner auf. Ein Teil der Kopfverkleidung war weggesprengt worden und einige elektronische Teile lagen offen. Ein rot blinkendes Licht war zu sehen.

In diesem Moment kam es ihm vor, wie ein bösartiges Auge, dass sie voll abgrundtiefer Bosheit und kalter Verachtung anstarrte.

Vorsichtig griff Beagle nach dem Desintegrator, den er am Allzweckgürtel seines Anzugs befestigt hatte.

Nicht, dass die leichte Waffe irgendeinen Unterschied gemacht hätte. Ein leichtes Flimmern um den Roboter verriet ihm, dass ausgerechnet der Schutzschirm der Maschine scheinbar unbeschädigt geblieben war.
Es schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis Beagle die Waffe in Position gebracht hatte. Er zielte auf den offenen Teil des Kopfes der Maschine.
Vielleicht hatten sie ja Glück, und der Schutzschirm brach schon beim ersten Schuss zusammen.

Es war ihre einzige Chance.

In Gedanken zählte der Sergeant bis drei. Er wollte eben feuern, als etwas Unerwartetes geschah. Ein Vogel, offenbar durch die drei Menschen gestört, flog mit wildem Gekreische aus dem Gebüsch auf, unter dem sie Deckung gesucht hatten. Der Waffenarm des Roboters zuckte hoch, doch die Maschine feuerte nicht auf den Vogel.

Stattdessen blieb sie kurz stehen um sich dann, ohne sich weiter um das Gebüsch zu kümmern, umzudrehen und wieder in dem Dickicht zu verschwinden, aus dem sie hervorgebrochen war.

Die drei Menschen blieben in ihrem Versteck, bis sich das Krachen und Bersten der Zweige in der Ferne verlor.

Ob es nun göttliche Fügung war oder einfach nur schier unglaubliches Glück, der riesige, goldschimmernde Roboter hatte sie nicht gesehen.

Sofort machten sich die drei Terraner an den Abstieg. Es war nicht leicht, den steilen, felsigen Abhang hinunter zu klettern. Immer wieder entpuppten sich vermeintlich sichere Vorsprünge als lockere und brüchige Steine, die sich unter dem Gewicht ihrer Körper lösten und mit lautem Gepolter die steile Fläche hinunterkullerten, wobei sie jedes Mal kleine Gerölllawinen auslösten.
Etwa auf halber Strecke meldete sich der, in den letzten Minuten sehr schweigsam gewordene Ferryman wieder zu Wort.

»Der Roboter. Habt ihr auch gesehen wie beschädigt er war? Bestimmt hat er sich mit dem Rest unserer Gruppe einen Kampf geliefert.«

»Und gewonnen.«, fügte Beagle etwas verdrossen hinzu. »Sonst wäre das Ding jetzt nicht hier.«

»Das glaube ich weniger.«

Britta Valentin, die ein wenig besser vorankam als die beiden Männer und schon ein paar Meter weiter unten war, hielt kurz inne und klopfte sich etwas Staub und Dreck von ihrem Schutzanzug. Die Nachmittagssonne lies ihr blondes Haar golden glänzen, was sie auf Leutnant Beagle noch attraktiver wirken lies.

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Ferryman, der wie immer die Nachhut bildete.

»Ganz einfach. Ich habe zwar nicht viel von dem Roboter gesehen, aber die Schäden, die mir aufgefallen sind, stammten nicht von einer Waffe. Es sah eher so aus, wie eine mechanische Einwirkung.«

»Mechanische Einwirkung? Aber was könnte...?«

»Ich glaube, das gerade eben war einer der Roboter von den beiden Flugscheiben, die uns angegriffen haben. Wahrscheinlich hat er den Absturz der zweiten Scheibe überstanden und ist uns die ganze Zeit über durch den Dschungel bis hierher gefolgt.«

Während sie sprachen waren sie den Abhang weiter hinunter geklettert und hatten nun endlich den Fuß des Plateaus erreicht. Dicht vor ihnen erstreckten sich die Teeplantagen.

Nur noch etwa anderthalb Kilometer trennten sie von dem großen, leuchtend roten Erntefahrzeug und damit hoffentlich auch von ihrer Rettung.

Sie liefen los. Ein lockeres Tempo anschlagend, dass sie nicht zu sehr außer Atem geraten lies, dass sie gleichzeitig auch recht zügig vorankommen lies.
Einhundert Meter. Alles blieb ruhig.

Zweihundert Meter. Nur noch wenige Minuten, dann waren sie bei dem Erntefahrzeug und konnten von hier verschwinden.

Dreihundert Meter. Vier Meter zu Valentins Rechten schlug ein blendend greller, armdicker Energiestrahl in den Boden und verursachte eine kleine Explosion, die einen, mit glutflüssiger Erde gefüllten Krater hinterlies. Die Teepflanzen in nahem Umkreis fingen Feuer und verbrannten innerhalb von Sekunden zu Asche. Valentin wurde von den Füßen gerissen und einige Meter durch die Luft geschleudert. Benommen blieb sie zwischen einigen Teepflanzen liegen, die ihr leidlich Deckung verschafften.

Beagle und Ferryman waren ebenfalls in Deckung gesprungen. Beagle sah, wie Ferryman zu der Astrophysikerin robbte und sah, wie sie es Überstanden hatte. Er zeigte ihm den Daumen nach oben. Offenbar war der Frau nichts Ernsthaftes passiert.

Inzwischen schlugen zwei weitere Strahlen etwas weiter entfernt in die Teepflanzen ein. Offenbar hatte ihr Gegner sie für den Moment aus den Augen verloren und versuchte es nun auf gut Glück.

Beagle schaute zurück zum Plateau.

Wie er befürchtet hatte, stand der Kampfroboter oben, unmittelbar am Rands des Abhangs, den rechten, unbeschädigten Waffenarm erhoben, und feuerte immer wieder in ihre ungefähre Richtung.

Für den Moment konnte das mechanische Monstrum sie zwar nicht sehen, aber die Gefahr durch einen Zufallstreffer erwischt zu werden wurde immer größer. Außerdem setzte die Maschine die Plantage in Brand. Der beißende Qualm war schon jetzt unerträglich.

Beagle schloss den Helm seines Anzugs. Ein Blick zu Ferryman und Valentin zeigte ihn, dass seine beiden Begleiter es ihm gleichtaten.

Sie mussten unbedingt etwas unternehmen. Mit dem erneuten Auftauchen des Roboters war das Erntefahrzeug für sie in unerreichbare Ferne gerückt. Sobald sie aufstanden und sich bewegten, würde das elektronische Ungeheuer sie sehen und gnadenlos abschießen. Sie hatten nicht die geringste Chance einen solchen Spießrutenlauf zu gewinnen.

Beagle sah nur eine einzige Möglichkeit.

Die Maschine war ein paar hundert Meter entfernt, eigentlich schon zu weit. Aber eine andere Idee hatte er nicht. Und er hatte im Moment auch keine Zeit, sich etwas Besseres einfallen zu lassen.

Beagle griff erneut nach dem kleinen Desintegrator an seinem Gürtel.
Er stellte die Waffe auf Überlast, lies sich Zeit beim Zielen, zögerte noch eine Sekunde, und betätigte den Auslöser der Waffe.

Das grünlich leuchtende Desintegrationsfeld, traf die Kante des Abhangs genau an der Stelle, wo der Roboter stand. Das rötlichgraue Gestein löste sich in dampfend unter den Füßen der Maschine auf.

Der riesenhafte Roboter konnte mit seinem beschädigten Bein nicht rechtzeitig zurückspringen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel den felsigen Abhang hinunter. Laut krachend schlug die Kampfmaschine immer wieder gegen herumliegende Steine.

Beagle meinte das Geräusch berstenden Metalls zu hören. Vielleicht war das aber auch nur Einbildung.

Eine große Gerölllawine löste sich und riss den hilflos mit einem Arm unherrudernden Roboter weiter mit in die Tiefe.

Als das Ding endlich am Fuß des Abhangs aufschlug wurde es von dem herabfallenden Gestein begraben. Alles was blieb war eine Staubwolke, die sich langsam verzog.

»Woohoo!«, hörte Beagle Ferryman über das Lautsprechersystem seines Anzugs.

»Sie haben es geschafft. Den sind wir los.«

Beagle hoffte, dass der hagere Leutnant recht hatte. Der Schuss mit der auf Überlast eingestellten Waffe, hatte das Emitterfeld seines kleinen Desintegrators beschädigt. Ein weiterer Schuss war nicht mehr möglich.
Doch was war das?

Drüben, bei dem Schutthaufen unter dem der Roboter begraben lag, rührte sich etwas. Ein paar Steine bewegten sich, wurden von etwas unter ihnen beiseite geschoben.

Mit einem berstenden Geräusch brach der offenbar immer noch funktionstüchtige Waffenarm des Roboters aus dem Boden und reckte sich dem Himmel entgegen. Langsam, fast wie in Zeitlupe drehte sich der Arm und stemmte sich gegen den Boden.

Mit aller Gewalt versuchte sich die Maschine, dass offenbar immer noch funktionierte, aus dem Geröllhaufen zu befreien.

Der Schutt würde das mechanische Monster nicht lange aufhalten, und wenn es sich befreit hatte, waren sie erledigt. Daran hatte Beagle keinen Zweifel.
»Lauft«, sagte er tonlos. »Lauft was ihr könnt.«

Sie rannten so schnell sie konnten. Ferryman stützte Valentin, die sich bei ihrem Sturz offenbar den Knöchel verstaucht hatte.

Ob sie es noch rechtzeitig schaffen konnten?

Beagle schaute im Lauf auf sein Armdisplay. Das Erntefahrzeug hatte die Richtung gewechselt und kam jetzt auf sie zu.

Offenbar hatte der Fahrer etwas vom Geschehen am Rand der Plantage bemerkt und wollte nun nachsehen was los war. Das erhöhte ihre Chancen ein wenig.

Als sie etwa die Hälfte der Strecke bis zum Erntefahrzeug hinter sich hatten, brach hinter ihnen ein lautes Getöse los. Beagle warf einen Blick über die Schulter.

Was er sah, lies ihm schlecht werden.

Der Schutthaufen, unter dem der Roboter lag, schien förmlich zu explodieren. Steine und Staub schossen in alle Richtungen. Und aus der Staubwolke hinkte die riesige Kampfmaschine. Das rote Licht am aufgerissenen Kopf der Maschine, vermutlich nicht mehr als eine Diode an irgendeinem internen Schaltkreis, schien ihnen wie ein wütendes Auge nachzublicken.

Beagle fiel auf, dass das leichte Flimmern des Schutzfeldes verschwunden war. Vermutlich hatte der Sturz ihm den Rest gegeben. Aber das nützte ihnen nun auch nichts mehr. Der Desintegrator konnte nicht mehr feuern. Würde er den Auslöser der Waffe jetzt betätigen, würde das Ding sich vermutlich überladen und explodieren.

Der Roboter hob seinen Waffenarm in ihre Richtung, überlegte es sich dann aber offenbar anders. Statt auf sie zu feuern setzte sich der tonnenschwere Koloss in Bewegung. Zuerst langsam, dann immer schneller lief der Kampfroboter ihnen hinkend hinterher. Und trotz ihrer Behinderung war die Maschine immer noch beträchtlich schneller als sie.

Ein weiterer Blick auf sein Armdisplay zeigte dem Leutnant, dass das Erntefahrzeug inzwischen stehen geblieben war und gewendet hatte. Offenbar hatte der Fahrer die drei Menschen und den sie verfolgenden Roboter bemerkt. Zwischen den Teepflanzen konnte er den Mann in der kleinen Fahrerkabine erkennen. Das Fahrzeug war vielleicht noch dreihundert Meter entfernt.

Beagle sah den Fahrer hektisch zu ihnen herüberwinken. Anscheinend hatte der Farmer ihre Lage erkannt und wollte ihnen helfen.

Gut. Der Roboter war noch weit genug entfernt. Das Ding feuerte nicht mehr auf sie. Vielleicht konnten sie es doch noch gerade so eben schaffen.

In diesem Moment schoss ein weiterer Lichtblitz durch die Teepflanzen und hinterlies eine feurige Spur.

Beagle, Ferryman und Valentin warfen sich zu Boden, doch der Schuss galt gar nicht ihnen.

Mit einem unglaublich lauten Krachen schlug der Strahl in das Erntefahrzeug ein.

Das rote Gefährt blähte sich auf wie ein grotesker Luftballon. Als es explodierte schoss eine starke Druckwelle über sie hinweg und fegte zahllose Teepflanzen genauso hinfort wie die letzte Hoffnung der drei Terraner.
Es war vorbei.

Beagle stand auf. Im Grunde genommen war es völlig sinnlos jetzt noch wegzulaufen. Die Teeplantage stand zu großen Teilen in Flammen und egal ob sie es noch einmal schafften eine Deckung zu finden, die todbringende Kampfmaschine würde sie sicher aufspüren.

Auch Ferryman und Valentin hatten sich wieder erhoben und blickten sich mit resigniertem Gesichtsausdruck an.

Ein kurzes Sirren erklang. Ferrymans Augen weiteten sich entsetzt. Auf seiner Brust erschien ein winziger roter Punkt, der schnell größer wurde und verlief.
Der Leutnant stolperte. Valentin, die direkt neben dem jungen Mann stand, konnte ihn gerade noch auffangen, brach aber unter Ferrymans Gewicht ebenfalls zusammen, da sie ihn mit ihrem verletzten Knöchel nicht halten konnte. Als sie ihren Arm unter seinem Rücken wegzog, war er ebenfalls blutverschmiert.

Beagle stürzte zu seinen beiden Begleitern. Mit einem schnellen Blick erfasste er was geschehen war.

»Glatter Durchschuss.«

Der Roboter hatte mit einem extrem fokussierten Energiestrahl auf Ferryman gefeuert. Der junge Leutnant war noch am Leben, aber die Verletzung war in jedem Fall tödlich. Er hatte vielleicht noch ein paar Minuten.
Valentin und ihm würde es nicht besser ergehen. Der fremde Roboter hatte gewonnen.

Wieso schoss das verdammte Ding nicht einfach auf sie?
Beagle stand auf und warf einen Blick zu dem golden schimmernden, mehrere Meter hohen Giganten hinüber, der sich in Bewegung gesetzt hatte und ruhig auf sie zu kam, den Waffenarm gesenkt.

Die riesige Maschine wirkte grotesk. Wie sie sich hinkenden Schrittes bewegte konnte man meinen ein lebendes Wesen käme auf sie zu.

Es war offensichtlich, was der Roboter vorhatte.

Offensichtlich hatte das Ding beschlossen, sie persönlich zu erledigen, ohne weiteren Einsatz von Waffen. Der Roboter hatte nur auf Ferryman geschossen, damit sie nicht mehr vor ihm davonlaufen konnten.

Ob das Positronenhirn des Roboters eine Biokomponente hatte, die durchgedreht war und sadistische Züge entwickelt hatte, oder ob dieses Verhalten von den unbekannten Erbauern der Maschine programmiert worden war, Beagle wusste es nicht. Er wünschte sich nur, sein Desintegrator würde noch funktionieren.

Valentin hatte sich ebenfalls wieder erhoben. Sie stützte den schwerverletzten Ferryman, der offenbar beschlossen hatte, dem nahenden Tod mit offenen Augen entgegenzusehen.

Im Stillen entschuldigte sich Beagle bei dem jungen Leutnant für die schlechte Meinung, die er den größten Teil des Tages über ihn gehabt hatte. Nach dem, was sie durchgemacht hatten, war es verständlich, dass sich der junge Mann, der kaum Einsatzerfahrung mitbrachte, mit seinen ständigen Nörgeleien Luft gemacht hatte.

Aber das war jetzt gleichgültig. In ein paar Minuten war er tot, genau wie er und auch Valentin.

Der Roboter hatte sie erreicht.

Wenige Meter vor ihnen blieb die Kampfmaschine stehen. Es erschien Beagle, als ob sie ihre Beute mustern wollte, bevor sie sich entschloss sie zu töten. Das bedrohliche, rote Licht schien ihn zu durchdringen und direkt in seine Seele zu blicken. Dabei war es mit Sicherheit kein Sensor.

Wie er jetzt aus unmittelbarer Nähe sehen konnte, war das, was er die ganze Zeit über als bedrohlich schimmerndes Auge empfunden hatte, tatsächlich nur eine hell leuchtende Kontrolldiode an einem, durch den Schaden frei liegenden Computerelement am Kopf der Maschine.

Plötzlich ging alles ganz schnell.

Mit einem Aufschrei stürzte Ferryman an ihm vorbei auf den Kampfroboter zu. Während der junge Mann ihn passierte griff er an Beagles Gürtel und griff sich den, nutzlos gewordenen Desintegrator.

Für den Bruchteil einer Sekunde traf sich der Blick der beiden Leutnants.
Dann war es vorbei.

Ferryman warf sich gegen den Roboter, der mit seinem Waffenarm nach dem hageren Mann schlug, dem Beagle niemals eine solche Beweglichkeit zugetraut hätte, zumal er bereits tödlich verletzt war.

Das mechanische Monstrum erwischte Ferryman und presste ihn mit all der Kraft, die seine Hydraulik entwickeln konnte, an sich.

Beagle hörte noch, wie Ferrymans Rückgrat mit einem lauten, ekelhaft feucht klingenden Knacken brach.

Doch der junge Leutnant lächelte.

In seiner Hand hielt er den beschädigten Desintegrator. Er hatte den Auslöser bereits betätigt und ein helles Sirren, gerade noch im Bereich der menschlichen Wahrnehmung ertönte für eine halbe Sekunde.

Dann wurde es für es blendend hell.

Beagle konnte nicht sagen, wie lange die Helligkeit anhielt. Sekunden? Minuten? Ein Leben lang?

Er fühlte sich von einer Riesenfaust gepackt und durch die Luft geschleudert.
Als er wieder klar sehen konnte, war Leutnant Gustav Ferryman verschwunden.

Der Kampfroboter stand immer noch da. Allerdings fehlte nun ein Arm und mehr als zwei Drittel seines Körpers.

Die beschädigte Waffe hatte wie eine Desintegratorgranate gewirkt, und bei der Detonation alles in ihrer unmittelbaren Nähe aufgelöst.

Der Roboter begann wieder, sich zu bewegen, doch diesmal kippte er nur scheppernd nach hinten über.

Es war vorbei. Sie hatten die Maschine besiegt.

Nein.

Ferryman hatte das mechanische Ungeheuer besiegt und ihm und Valentin das Leben gerettet.

Beagle stand auf und schritt zum Wrack des Roboters hinüber. Auch Valentin kam dazu. Er nahm die Frau in die Arme. Sie zitterte am ganzen Körper.
Das rote Licht am Kopf des Roboters leuchtete noch immer, doch das Leuchten wurde bereits schwächer. Auf Leutnant Beagle wirkte es wie ein düsterer, verlöschender Stern.

Er brachte es nicht fertig den Blick vom Kopf der Maschine zu nehmen. Das rote Licht war bereits lange verloschen als er es endlich schaffte.
Sie ließen das Wrack des Roboters zurück.

Es dauerte noch zwei weitere Tage, bis sie endlich einen großen Fluss, den Trafalgarzonas  erreichten. Drei Stunden später hatten sie Trafalgar City, die Hauptstadt dieses Planeten endlich erreicht.

Wie sich herausstellte, war der Rest ihrer Gruppe etwa einen Tag vor ihnen eingetroffen.

Bei seinem Bericht lies Leutnant Beagle kein Detail aus, und betonte besonders die Tapferkeit, mit der Ferryman sich ihrem Feind im Angesicht des Todes entgegen geworfen hatte.

Eines jedoch erwähnte er seinen Vorgesetzten gegenüber nicht.

Beagle hatte Angst.

Wenn ein einzelner der fremden Roboter in der Lage war auf diese Art und Weise zu kämpfen, wie es ihr Gegner getan hatte, wozu mochten dann erst die Heerscharen dieser Maschinen in der Lage sein, die die Stadt der terranischen Siedler mit absoluter Sicherheit bald angreifen würden?